reformiert.lokal 6.1 - Auffahrt – Wenn Worte wieder möglich werden

reformiert.: Logo der Zeitung reformiert. (Foto: Kirche Schweiz)
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Maja Ramsauer,
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Wenn Worte wieder möglich werden

In letzter Zeit passiert es mir immer wieder, dass ich auf die Welt schaue und nicht mehr weiss, was ich sagen soll. Die zunehmende Härte, mit der Menschen übereinander sprechen. Die Kriege, die an so vielen Orten geführt werden. Die Geschwindigkeit, mit der Gewissheiten verschwinden. Ich schaue zwar noch hin und höre auch noch zu. Aber ich habe längst aufgehört, das alles zu fassen. Vielleicht ist das Entscheidende gar nicht, dass mir die Worte fehlen. Es ist eher so, dass es mir zu gross, zu heikel und einfach zu verwirrend wird. Und dann schweige ich. Und gewöhne mich daran. Und dann merke ich: Ich kann verstummen, obwohl es viel zu sagen gäbe.

Genau an dieser Stelle setzt die Pfingstgeschichte ein. Sie erzählt von Menschen, die noch nicht fassen können, was sie erlebt haben. Jesus ist gestorben. Christus ist auferstanden. Etwas Neues hat begonnen. Aber noch ist nicht klar, wie daraus ein Wort werden soll, das andere erreicht. Sie sitzen beieinander und haben noch keine Sprache gefunden für das, was geschehen ist. Dann kommt ein Brausen vom Himmel her, wie von einem gewaltigen Sturm, und erfüllt das ganze Haus. Zungen wie von Feuer erscheinen und lassen sich auf ihnen nieder. Und sie beginnen zu reden. Das Erstaunliche ist nicht nur, dass sie reden.

Das Erstaunliche ist, dass sie verstanden werden. «Wir hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden», heisst es in der Apostelgeschichte. Nicht in einer Einheitssprache, sondern so, dass jeder und jede in der eigenen Sprache hört, was Gott in Christus getan hat. Vielleicht beginnt Erneuerung genau dort: dass Worte wieder ankommen. Dass etwas gesagt wird, das nicht an der Oberfläche bleibt. Dass ein Satz, ein Lied, ein Gebet, eine Predigt, ein Gespräch plötzlich in unsere eigene Herzenssprache übersetzt wird. Und dass das, was uns eben noch zu gross, zu heikel und zu verwirrend erschien, nicht kleiner gemacht wird und dennoch bei uns ankommt. Ich glaube, Kirche lebt von dieser Hoffnung: Menschen sind beieinander, bevor sie schon wissen, was zu sagen ist. Wir kommen zusammen mit dem, was uns sprachlos macht, und hören, ob zwischen all den Worten dieser Welt noch ein anderes Wort hörbar wird. Eines, das die Härte der Welt nicht wegredet. Eines, das von Christus her kommt und uns gerade dort erreicht, wo wir selbst keine Sprache mehr finden.

Kirche feiert deshalb jeden Sonntag ein bisschen Pfingsten: Menschen kommen zusammen. Sie hören. Sie singen. Sie beten. Sie warten nicht darauf, dass sie schon alles fassen können. Und manchmal wird gerade dort ein Wort hörbar, das wir uns selbst nicht geben konnten – ein Wort, das nichts kleiner macht und uns dennoch aufrichtet.
David Jäger, Pfarrer

Pfarrer
David Jäger
Oetwilerstrasse 35
8634 Hombrechtikon

043 543 96 55

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