Warum lässt Gott es zu?

796374_original_R_K_B_by_Thorsten Neuhaus_pixelio.de (Foto: Michael Stollwerk)
Ausgelöst durch die schrecklichen Bilder über den Krieg in der Ukraine äusserten etliche Gemeindeglieder die Bitte nach einem Austausch über die Frage nach dem Handeln Gottes in der Geschichte bzw. warum er augenscheinlich nicht eingreife.
Michael Stollwerk,
Monika Götte und Michael Stollwerk stellten sich im Rahmen eines öffentlichen Gesprächs am 30. März im Forum Kirchbühl diesem bedrängenden Thema. Schnell wurde deutlich, dass jeder Versuch einer Antwort mit der Problematik verbunden ist, dass der Sinn vieler Ereignisse, sich - wenn überhaupt - erst im Nachhinein erschliesst. Im Rahmen der Grenzen des Hier und Jetzt bestehe also immer die Gefahr verkürzender Antworten, die dem unsäglichen Leid und der Dramatik der Ereignisse nicht gerecht werden. Verkürzend sei aber auch der Versuch, die Last der Verantwortung entweder auf Gott oder einen einzelnen Sündenbock abzuschieben. „Warum lässt Gott es zu, dass Menschen einander Schreckliches antun?“ lautete eine Frage. Wollte Gott diesbezüglich aber unmittelbar reagieren und eingreifen, „Wo soll er da anfangen und wo soll er aufhören?“ – ergab sich für Monika Götte unwillkürlich die Gegenfrage. Auch Wladimir Putin die Alleinverantwortung für die Massaker in der Ukraine aufzubürden, erwies sich im Laufe des Gesprächs als unzureichend. Denn zu solchen Gräueltaten, wie sie derzeit geschehen, gehören Hunderte von „normalen“ Helfern und Helfershelfern, die sie möglich machen. Wer also die Frage nach der Verantwortung Gottes stelle, müsse unwillkürlich auch die offenbar grenzenlose Verführbarkeit des Menschen zum Bösen thematisieren, so die beiden Theologen.
Der genuin christliche Ansatz jeder Antwort auf das Leid in der Welt bestehe daher auch nicht in einer abstrakt philosophischen Spekulation. Es gehe für Christen vielmehr um ein solidarisches Mitleiden in Gestalt zupackender Nächstenliebe und um das Gebet für eine Umkehr und Herzensänderung jedes Einzelnen.
„Wenn man mich fragt“, so Michael Stollwerk am Ende der Gesprächsrunde: „Wo ist Gott denn jetzt, in diesen Tagen? Dann kann ich nur antworten: Überall dort, wo Menschen erniedrigt, vergewaltigt, misshandelt und erschossen werden. Denn dort wird Er selbst gedemütigt und misshandelt – wie damals am Kreuz.“

Literaturhinweis zum Weiterlesen: Hannah Arendt, Über das Böse - Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, Piper Verlag München, 2011